FREDERIKE JACOB: 
»GESCHICHTEN, DIE SICH NICHT ZU GESCHICHTE FÜGEN.«

In Theater der Zeit, Schauplatz Ruhr 1—2012
»Andere Räume«, Jahrbuch zum Theater im Ruhrgebiet, 
S. 65 ff., hrsg. von Ulrike Haß, Guido Hiß, Sebastian 
Kirsch, Kim Stapelfeldt
ISBN 978-3-940737-88-5 | Preis 10 Euro

Geschichten, die sich nicht zur Geschichte fügen.
Eine Klanginstallation von Esther Dischereit in Dülmen
Ein früher Samstagabend in der münsterländischen Kleinstadt 
Dülmen. Es ist warm, Leute sitzen in Cafés, planen die Abend-
gestaltung. Geschäfte, wie man sie überall findet, eine Kneipe, 
ein Bistro. Ich komme zum Marktplatz, eine geschlossene Touri-
steninformation mit detailliertem Stadtplan. Den Eichengrün-
Platz kann ich darauf nicht finden, wie ich ihn schon mit Hilfe 
diverser Routenplaner nicht fand. Wie gegenwärtig ist ein Ort, 
der nirgendwo verzeichnet ist, der nur da ist, wo er ist?

Auch die Passanten, die ich frage, können mir nicht weiterhelfen. 
Bis auf eine Frau, die gerade aus der Kirche kommt: Eigentlich 
bin ich nur wenige Schritte entfernt, und nach einem kurzen Moment 
stehe ich am Eichengrün-Platz. Ein langweiliger, dreieckig geform-
ter Platz, an der einen Seite eine stark befahrene Straße, an der 
anderen Seite ein Reisebüro, eine Pizzeria und ein Eiscafé, gut 
besucht. An der kurzen Seite des Dreiecks ein Gebüsch, davor eine 
schmutzige Bank. Ich entdecke einen Lautsprecher und setze mich 
direkt davor. Ich lehne mich ein wenig zur Seite, unmerklich, 
nichts passiert. Ich lehne mich zur anderen Seite, wieder nichts. 
Ich stehe auf und wedele mit der Hand vor dem Lautsprecher hin 
und her. Die Leute gucken, aber das ist mir egal. Ich setze mich 
wieder hin. Eine Vierergruppe nickt mir vom Eiscafé aus zu. Ich 
gehe zu ihnen. Ich frage sie. Sie wissen von der Installation aus 
der Lokalpresse, haben sie aber noch nicht besucht. Ich frage den 
Kellner des Cafés. Er habe vor einiger Zeit mal auf der Bank ge-
sessen, aber nur ein Knacken gehört, der Lautsprecher sei regel-
mäßig kaputt und seit drei Wochen verstummt.Ich schlage die Eier 
auf. Pfannkuchen, Eierkuchen oder Crêpes? Ich wende die Matzen 
im geschlagenen Ei. Oft zerbricht mir dann eine. 
Ich lege sie in die Pfanne in zerlassene Butter, wenden und heiß 
mit Zimtzucker servieren. Wo gibt es Matzen? Es gibt Matzen. In 
Dortmund. Auf Bestellung. Oder in New York.
Als der Lautsprecher noch funktionierte, erklangen hier kurze 
Hörstücke, Textsplitter, jeweils durch einen Bewegungsmelder 
ausgelöst. 55 solcher Klangzeichen hat die Berliner Lyrikerin, 
Theater- und Hörstückautorin Esther Dischereit für ihre Audioin-
stallation komponiert. Manche sind kurz, manche länger, manche 
beschreiben eine Erinnerung, einen Raum, einen Geruch oder eine 
Szene, manche geben eher dokumentarisch eine Aktennotiz wieder. 
Etliche Dokumente aus dem Dülmener Stadtarchiv hat sie in ihre 
Arbeit einfließen lassen, hat aufgelesen und verwahrt, was sie 
in Dülmen fand. Erinnerungen, Brauchtumsgeschichten und Kochre-
zepte, die einzeln so harmlos daher kommen wie eine von den Groß-
eltern erzählte Geschichte von früher und die dennoch keinen 
Zweifel daran lassen, dass es hier um Leben geht, das nicht mehr 
stattfinden durfte, das in seiner ganzen Vielfalt, seiner Alltäg-
lichkeit, seiner Tradition und seiner Verwurzelung mit dem Ort 
ausgelöscht wurde.Vor den hohen Feiertagen gab es ein Flüstern 
und Rascheln im Haus. Eine Frau setzte sich an das Piano und übte. 
Ich übte auch, aber drinnen hörten sie nicht, obwohl sie einen 
Platz für mich freihielten.Gelesen von Corinna Kirchhoff, vertont 
von Dieter Kaufmann, fügen sich die einzelnen Fragmente nicht zu 
einem großen Ganzen zusammen, sondern eröffnen immer wieder neue 
Einblicke und Assoziationen. Ein Zufallsgenerator bestimmt die 
Reihenfolge der Klangzeichen. Manchmal erkennt man einen Namen 
aus einer vorherigen Sequenz wieder und denkt über einen möglichen 
Zusammenhang nach. Ein vielgestaltiges »Ich« spricht hier. Mal 
scheint es aus der Perspektive eines Kindes zu berichten, mal 
aus der einer oder eines Erwachsenen, mal lässt sich gar keine 
Perspektive bestimmen. Worte werden hörbar, die aus dem alltäg-
lichen Sprachgebrauch, wie er uns geläufig ist, verschwunden 
sind: Matzen, Schiwe-Sitzen. Dann wiederum ist von Feiertagen 
oder Ereignissen die Rede, die auch heute noch in ländlichen Ge-
genden bekannt sind. »In diesem Nebeneinander wird den Spuren 
jüdischer Kultur jeder Anstrich des Exotischen genommen. Dülmen 
erscheint als Ort eines Mit-und Durcheinanders«, wie Barbara Hahn 
im Vorwort des Buches, das anlässlich dieses Projekts erschienen 
ist, darlegt. (www.eichengruen-platz.de)
Jakobs Mutter hat nicht an Clemens August geschrieben. Jakobs 
Vater auch nicht. Clemens August hat nicht geantwortet. Sein 
Brief war an jemand anderen gerichtet. Meinst du, Jakobs Eltern 
hätten noch gelebt?Die Art, in der heute üblicherweise mit Mahn-
malen an die Juden erinnert werde, so Esther Dischereits Refle-
xionen über eine andere Form des Gedenkens in der Jerusalem Post, 
berge das Bild einer unbestimmten Masse von Leuten. Dem hält 
Dischereit in einem Klangzeichen eine lange Liste von Namen ent-
gegen, deren Anordnung so gewählt ist, dass nicht eine direkte 
Aufforderung zum namentlichen Gedenken Einzelner forciert wird, 
sondern der Versuch im Vordergrund hörbar wird, durch die Wieder-
holung der Namen ein Gefühl für die frühere Präsenz der Juden 
in Dülmen hervorzurufen. Es sind die Namen nicht nur der ermor-
deten, sondern auch der wenigen überlebenden Juden aus Dülmen, 
denn, so Dischereit, hätte sie zwischen beiden unterscheiden 
wollen, hätte sie die Familien zertrennen müssen. Über das öffent-
liche Erinnern an die ermordeten Juden hinaus, gehe es auch um 
ein Erinnern an das einst vorhandene jüdische Leben der Einwohner-
schaft an einem bestimmten Ort mit all seinen Facetten. Die zahl-
reichen Mahnmale, so sagt sie in der Jerusalem Post, erschienen 
ihr wie der deutsche Versuch, ein abschließendes Ritual der Beer-
digung zu vollziehen, als ein vergeblicher Versuch.
In den folgenden Monaten verließen 22 jüdische Bürgerinnen und 
Bürger Dülmen.
Die Juden wurden im Nationalsozialismus zuerst ihrer Normalität 
beraubt. Der belanglose Platz, den man in Dülmen als Ort der 
Erinnerung vorgesehen hatte und der Dischereit zunächst enttäuscht 
hatte – schien er doch keineswegs ein würdiger Ort des Gedenkens 
zu sein – korrespondiert in seiner Alltäglichkeit auch mit dem 
Gedanken an die verweigerte und gestohlene Normalität. »Die 
Juden gehörten früher zum Alltag dieser Stadt, genauso wie ihr 
Fehlen heute zum Alltag gehört«, so Dischereit in der Jüdischen 
Allgemeinen.An der Straßenseite des Platzes befindet sich ein 
zweiter Lautsprecher, aus dem irgendwann einmal am Tag zwischen 
acht Uhr morgens und acht Uhr abends die Stimme Harvey Friedmans 
erklingt, der mit amerikanischem Akzent jüdische Kochrezepte 
spricht. Sein Akzent ist auch ein Verweis darauf, dass alltäg-
liche jüdische Worte heute durch die Stimme des Fremden wieder-
kehren.Wir führten die Gläser zum Mund / die Kerzen waren 
gezündet / der Wein schimmerte satt und rot / auf der weißen 
Tischdecke / hatte es Flecken gegeben / Die Nachbarin wusch das 
Tuch wohl ein Dutzendmal / dann hat sie es fortgegeben Esther 
Dischereit wurde 1952 als zweite Tochter einer jüdischen Mutter 
geboren, die in Berlin und Umgebung den Nationalsozialismus zu-
sammen mit ihrer älteren Tochter überlebt hatte. In ihrer Arbeit 
plädiert Dischereit für das Ineinandergreifen von Leben und Tod, 
Früher und Heute. Die Abwesenden sollen nicht als Geister der 
Vergangenheit, sondern als Gegenwärtige vorkommen. Ein wichtiger 
Gedanke bei ihrer Arbeit an der Installation, sagt sie, war die 
Frage, was einer der Toten sagen würde, käme er vorbei und hörte 
eines ihrer Klangzeichen? Ist diese Form der Erinnerung respekt-
voll gegenüber den ermordeten Juden? Ist es möglich, den Toten 
Respekt zu zollen, ohne die jungen Fußgänger von heute zu beschä-
men? Weder möchte sie pädagogisch mahnen noch historische Fakten 
liefern. Historiker zeichnen Biografien nach, aber, so Dischereit, 
ihr käme es auf die Verschränkung von Biografie und Identität an. 
Auch darauf verweist die Liste der Namen. Unglücklich sei sie 
über das Schild, das den Namen des Platzes erklärt, der sich 
ohnehin in keiner Karte findet und der an die hier bis 1939 an-
sässigen und dann vertriebenen jüdischen Kaufleute Gebrüder 
Eichengrün erinnert. Nach ihrem Konzept wäre kein Hinweisschild 
nötig gewesen. Sie wolle nicht zum Gedenken ermahnen. Ihre akus-
tischen Erinnerungsfetzen drängen sich nicht auf. Wer will, kann 
sie hören, wer will, lässt es sein. Aber sie sind da, vorhanden, 
abrufbar, und damit ähneln sie der Vergangenheit, die, jeder 
Schlussstrichdebatte zum Trotz, da ist, da bleibt und nicht ge-
löscht werden kann. Man muss sich zu ihr verhalten, wie man sich 
unwillkürlich zur Installation verhalten muss – setze ich mich 
hin, gehe ich weiter, höre ich zu, höre ich weg? So wenig man 
die Reihen-folge der Klangzeichen durch Vor- oder Rückspulen be-
einflussen kann, so wenig lässt sich die Vergangenheit löschen. 
In diesem Verhalten liegt eine Entscheidung, auch für oder gegen 
eine Verantwortlichkeit.Ein paar Tage später spreche ich mit 
dem Kulturamt Dülmen. Ein Mann versichert mir, dass der Laut-
sprecher jetzt intakt sei und erzählt von den großen Feierlich-
keiten anlässlich der Einweihung dieser überregional bekannten 
Installation im Dezember 2008 und davon, dass »der Prophet im 
eigenen Land nichts zähle« und die Dülmener nicht so interes-
siert wären wie ein großstädtisches Publikum. Hinzu fügt er, 
dass er dafür gewesen sei, eine große Tafel aufzustellen, die 
auf die Installation und die Juden hinweise. Nur das hätte Frau 
Dischereit ja leider nicht gewollt.
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